Jakob Leisler
Vor fast 400 Jahren verließ ein junger Mann aus Bockenheim seine Heimat und wurde in New York zu einer umstrittenen Schlüsselfigur. Jacob Leisler war Kaufmann, Milizführer und Politiker – und sein dramatisches Ende beschäftigt die amerikanische Geschichte bis heute.
Jacob Leisler – ein Bockenheimer in New York
Vom Dorf Bockenheim in die Neue Welt
Als Jacob Leisler um 1640 in Bockenheim geboren wurde, war Bockenheim noch ein selbstständiges Dorf vor den Toren Frankfurts. Sein Vater Jacob Victorian Leisler war Pfarrer der französisch-reformierten Gemeinde in Bockenheim. Die Familie gehörte damit zu einem protestantisch und international geprägten Milieu, das in jener Zeit weit über die Grenzen der Region hinausreichte.
Mit etwa zwanzig Jahren ging Jacob Leisler nach Amerika. 1660 reiste er als Soldat im Dienst der Niederländischen Westindien-Kompanie in die Kolonie Nieuw Nederland, das spätere New York. Aus dem jungen Auswanderer wurde bald ein erfolgreicher Kaufmann. Er handelte, gewann Einfluss und übernahm Aufgaben in der Stadtverwaltung und in der Miliz.
Sein Weg führte also von einem kleinen Ort in der Grafschaft Hanau-Münzenberg in eine rasch wachsende Hafenstadt am anderen Ende der Welt.
New York in unruhiger Zeit
1689 geriet die englische Kolonie New York in eine schwere politische Krise. In England war König Jakob II. gestürzt worden; Wilhelm III. und Maria hatten den Thron übernommen. In New York herrschte Unsicherheit: Wer hatte nun das Recht zu regieren? Drohte ein Angriff? Würde die katholische Herrschaft zurückkehren?
Jacob Leisler stellte sich an die Spitze einer Bürgerwehr. Am 31. Mai 1689 besetzten seine Anhänger Fort James an der Südspitze Manhattans. Sie bekannten sich zu Wilhelm und Maria und bildeten ein Sicherheitskomitee. Leisler übernahm bald die Führung und regierte die Provinz für rund zwei Jahre als amtierender Vizegouverneur.
Viele kleinere Kaufleute, Handwerker und Milizionäre unterstützten ihn. Die einflussreichen Kaufmanns- und Grundbesitzerfamilien New Yorks sahen in ihm dagegen einen gefährlichen Aufrührer. Aus diesem Konflikt entstand die „Leisler’s Rebellion“, die New York noch lange in zwei politische Lager teilte.
Ein Förderer von New Rochelle
Leisler blieb nicht bei der Machtpolitik. Er unterstützte auch französische Hugenotten, die wegen ihres reformierten Glaubens aus Europa geflohen waren. Für sie wurde Land nördlich von Manhattan erworben. Daraus entstand die Siedlung New Rochelle, die heute eine Stadt im Bundesstaat New York ist.
Damit verband Leisler seine eigene Herkunft mit der Geschichte anderer Glaubensflüchtlinge. Der Sohn eines Bockenheimer reformierten Pfarrers half Menschen, die ebenfalls wegen ihres Glaubens eine neue Heimat suchten.
Prozess und Hinrichtung
Als der neue königliche Gouverneur Henry Sloughter im März 1691 endlich in New York eintraf, verlor Leisler die Macht. Er übergab das Fort, wurde aber zusammen mit seinem Schwiegersohn Jacob Milborne verhaftet.
Der Prozess war stark politisch geprägt. Viele Richter gehörten zu seinen entschiedenen Gegnern; Leisler und Milborne hatten keinen Rechtsbeistand. Sie bestritten, dass das Gericht ihre frühere Amtsführung überhaupt korrekt beurteile. Das Gericht ging auf diese Frage nicht ein.
Am 16. Mai 1691 wurde Jacob Leisler wegen Hochverrats gehängt. Er war etwa fünfzig Jahre alt.
Vier Jahre später wurde das Urteil aufgehoben und Leisler postum rehabilitiert. Seine Familie erhielt ihr Eigentum zurück. 1698 wurden seine sterblichen Überreste in New York feierlich in der niederländisch-reformierten Kirche beigesetzt.
Erinnerung an einen umstrittenen Bockenheimer
Jacob Leisler ist keine einfache Heldengestalt. Er war mutig, religiös überzeugt und entschlossen. Zugleich führte er eine Regierung in einer Zeit großer Angst, scharfer Gegensätze und bewaffneter Auseinandersetzungen. Seine Geschichte handelt von Freiheitswillen und Macht, von Glauben und politischen Fronten, von Hoffnung auf Beteiligung – und davon, wie schnell Konflikte außer Kontrolle geraten können.
In New Rochelle erinnert seit 1913 ein Denkmal an ihn. Frankfurt stiftete 1911 zwei Eichen, die im New Yorker City Hall Park zu seinem Gedächtnis gepflanzt wurden. In Frankfurt trägt die Jakob-Leisler-Straße am Dornbusch seinen Namen.
Bockenheim selbst begegnet ihm eher beiläufig. Dabei führt seine Lebensgeschichte weit über den Stadtteil hinaus: Ein Bockenheimer Pfarrerssohn wurde zu einer Figur der frühen amerikanischen Demokratiegeschichte.
... und die Moral der Geschicht'
Jacob Leisler erinnert daran, dass politische Freiheit und Rechtsstaatlichkeit immer neu geschützt werden müssen. Wer Verantwortung übernimmt, braucht Mut. Wer über andere richtet, braucht Fairness. Und wer sich in schwierigen Zeiten auf die eigene Wahrheit beruft, sollte wissen, wie leicht daraus neue Fronten entstehen können.
Seine Geschichte begann in Bockenheim und endete am Hudson River. Dazwischen liegt ein Leben, das zeigt, wie weit ein Weg führen kann – und wie nahe Geschichte manchmal an die eigenen Straßen heranrückt.