Kirche am Campus – ein verborgener Sakral- und Konzertraum in Bockenheim
Die kleine Kapelle im Studierendenhaus verbindet den demokratischen Neubeginn nach 1945 mit ökumenischer Geschichte und einer außergewöhnlichen Konzerttradition. Bis 2028 ist ihre Nutzung gesichert. Was danach geschieht, muss rechtzeitig und verbindlich geklärt werden.
Wer über den früheren Universitätscampus an der Jügelstraße geht, kann die Kirche am Campus leicht übersehen. Sie besitzt keinen Turm und kein weithin sichtbares Portal. Der Eingang liegt etwas verborgen im rechten Flügel des Studierendenhauses. Erst die farbigen Glasfenster lassen von außen erkennen, dass sich hinter der nüchternen Fassade ein besonderer Raum befindet.
Im Inneren öffnet sich eine kleine, helle Kapelle. Parkettboden, flexible Bestuhlung und die umlaufenden Fenster geben ihr eine schlichte, fast intime Atmosphäre. Der Raum wirkt weder monumental noch abweisend. Er ist auf Nähe angelegt: zwischen den Menschen, zwischen Musik und Publikum, zwischen Universität, Kirche und Stadtteil.
Teil des demokratischen Neubeginns
Die Kirche entstand gemeinsam mit dem Studierendenhaus, das nach Plänen des Architekten Otto Apel gebaut und 1953 eröffnet wurde. Das Haus war weit mehr als ein Zweckbau für die Universität. Es sollte nach Nationalsozialismus und Krieg zu einem neuen demokratischen Gemeinschaftsleben beitragen. Studierende sollten dort diskutieren, lernen, feiern, Kultur erleben und internationale Begegnungen pflegen können.
Der erste Bundespräsident Theodor Heuss und der amerikanische Hochkommissar John Jay McCloy hatten den Bau eines solchen Hauses angeregt. Unterstützt wurde das Vorhaben mit amerikanischen Mitteln. Das Studierendenhaus sollte Kooperation, demokratische Bildung und internationale Offenheit fördern und damit einen bewussten Gegenentwurf zum akademischen Leben vor 1945 bilden.
Zu diesem Konzept gehörte von Anfang an auch ein Raum für Gottesdienst und Seelsorge. Die Kapelle ergänzte das politische, soziale und kulturelle Programm des Hauses um die religiöse Dimension. Sie erinnert daran, dass ein demokratischer Neubeginn neben Bildung und Debatte auch Orte des Innehaltens, der Verantwortung und der Gewissensbildung braucht.
Von Anfang an ökumenisch
Am 7. Oktober 1952 schlossen die Goethe-Universität, die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau und das Bischöfliche Ordinariat Limburg eine Vereinbarung. Die Kapelle und angrenzende Räume sollten unbefristet und unentgeltlich für Gottesdienste sowie kirchliche und gemeindliche Zwecke zur Verfügung stehen. Zu den Unterzeichnern gehörten der damalige Universitätsrektor Max Horkheimer und der erste Kirchenpräsident der EKHN, Martin Niemöller.
Damit entstand früh ein ökumenischer Hochschulgottesdienstraum, den evangelische und katholische Studierende gemeinsam nutzen konnten. Die Kapelle wurde zu Beginn des Sommersemesters 1953 mit einem Abendmahlsgottesdienst eingeweiht. In den folgenden Jahren fanden dort sonntägliche Gottesdienste, Gemeindeabende und seelsorgerliche Angebote statt.
Diese ökumenische Konzeption macht die Kirche am Campus zu einem seltenen Zeugnis der frühen Nachkriegszeit. Sie verbindet die Geschichte der Universität mit der kirchlichen Aufbruchsbewegung jener Jahre. In der Dokumentation über Frankfurter Nachkriegskirchen wird sie deshalb als erhaltenswertes Beispiel eines Hochschulgottesdienstraums der Nachkriegsmoderne eingeordnet.
Ein Raum aus Licht und Farbe
Besonders prägend sind die farbigen Glasfenster. Ihre kleinen geometrischen Flächen erinnern an Mosaike und lassen je nach Tageszeit immer neue Lichtstimmungen entstehen. Zwischen den abstrakten Formen erscheinen christliche Zeichen wie Ähren, Weinreben und der Fisch, eines der ältesten Symbole des Christentums.
Bislang ist nicht geklärt, wer die Fenster entworfen hat. Vermutet wird eine Verbindung zum Frankfurter Künstler und Grafiker Hans Leistikow. Seine Kirchenfenster der frühen Nachkriegszeit arbeiten ebenfalls mit geometrischen Formen, zurückhaltenden Farben und vergleichsweise einfachem Industrieglas. Leistikows bauzeitliche Fenster im ehemaligen Hauptzollamt, dem heutigen Haus am Dom, zeigen eine auffällige gestalterische Verwandtschaft. Auch für den Frankfurter Dom entwarf er Anfang der 1950er-Jahre abstrakte Fenster aus hellem, leicht gefärbtem Industrieglas.
Eine Signatur oder ein archivalischer Nachweis für Leistikows Urheberschaft an der Kirche am Campus ist bisher nicht bekannt. Die Ähnlichkeit rechtfertigt daher noch keine Zuschreibung, wohl aber eine kunsthistorische Untersuchung. Vor einer Sanierung sollten die Fenster fachgerecht dokumentiert und ihre Entstehungsgeschichte weiter erforscht werden.
Seit 1997 eine Bühne für junge Musiker:innen
Eine neue Geschichte begann 1997. Der damalige Studierendenpfarrer der Evangelischen Studierendengemeinde (ESG), Eugen Eckert, rief gemeinsam mit der Katholischen Hochschulgemeinde und der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt die Konzertreihe „Kirche am Campus“ ins Leben. Eckert, der damals auch einen Lehrauftrag an der Frankfurter Musikhochschule hatte, griff damit den Wunsch vieler Studierender auf, außerhalb der Hochschule vor Publikum auftreten zu können. Die Kirche erwies sich dafür als idealer Ort: überschaubar, akustisch hervorragend und mit einer Atmosphäre, die Künstler wie Publikum gleichermaßen schätzen.
Seitdem haben hier zahlreiche Studierende und Absolventinnen und Absolventen ihre ersten Konzerterfahrungen vor Publikum gesammelt. Viele Besucherinnen und Besucher entdeckten dabei außergewöhnliche musikalische Talente – bei freiem Eintritt und in einer besonderen Nähe zwischen Künstlern und Publikum. Im Januar 2020 konnte bereits das 500. Konzert gefeiert werden.
Auch heute reicht das Programm von Kammermusik über Klavier- und Harfenkonzerte bis hin zu internationalen Musikprojekten. Die besondere Akustik und das farbige Licht der Glasfenster verleihen jedem Konzert eine Atmosphäre, wie sie in einem gewöhnlichen Konzertsaal kaum entstehen kann.
Engagement, das die Konzerttradition bewahrt
Dass diese Konzertreihe bis heute besteht, ist vor allem dem langjährigen Engagement von Sabine Rupp zu verdanken. Seit 2017 hat sie die Organisation der Konzerte übernommen, Musikerinnen und Musiker begleitet, Termine koordiniert und den Kontakt zu Universität, Hochschule und Publikum gepflegt. Auch nachdem sich die institutionellen Rahmenbedingungen verändert hatten, setzte sie sich dafür ein, dass die Kirche am Campus weiterhin als Konzertort erhalten blieb.
Als die Zukunft der Konzerte Ende 2024 ungewiss erschien, fand sich gemeinsam mit der Goethe-Universität eine Lösung: Die Nutzung der Kirche für die Konzertreihe wurde zunächst bis 2028 gesichert. Damit konnte eine über viele Jahre gewachsene kulturelle Tradition fortgeführt werden.
Dieses Engagement zeigt zugleich, welchen Wert der Raum für viele Menschen besitzt. Auf Dauer sollte seine Zukunft jedoch nicht vom Einsatz einzelner Engagierter abhängen, sondern auf einer verlässlichen Grundlage stehen.
Offen für Bockenheim und Frankfurt
Die Kirche am Campus ist heute mehr als der Spielort einer festen Hochschulreihe. Sie wird bereits für zahlreiche Schülerkonzerte und Musikunterricht der Musikschule Frankfurt genutzt. Auch steht sie Musiker:innen aus Bockenheim und aus anderen Frankfurter Stadtteilen für Sonderkonzerte offen.
Damit kann die Kapelle stärker zu einem gemeinsamen Ort des Stadtteils werden. Möglich sind musikalische Andachten, Lesungen, kleinere Ausstellungen, Gesprächsabende, Kooperationen mit Schulen und Kindertagesstätten.
Die Würde des Sakralraums und seine besondere Akustik setzen dabei einen sinnvollen Rahmen.
Gerade diese Verbindung macht seinen Wert aus: Die Kirche bleibt weiterhin für Musik, Kultur und Begegnung zugänglich. Ihre Geschichte wird damit nicht museal konserviert, sondern fortgeschrieben.
Was geschieht nach 2028?
Mit dem geplanten Eigentümerwechsel des Studierendenhauses beginnt eine neue Phase. Das Gebäude soll langfristig erhalten und künftig als offenes Kulturzentrum genutzt werden. Für die Kirche am Campus eröffnet dies die Chance, ihren Platz auch in Zukunft zu behaupten.
Damit das gelingt, sollte sie nicht nur als Teil des Gebäudes erhalten bleiben, sondern auch als Ort mit einer eigenen Geschichte und einer besonderen Nutzung wahrgenommen werden. Ihre Bedeutung liegt nicht allein in ihrer Architektur oder Ausstattung. Sie lebt von den Menschen, die hier Musik machen, zuhören, miteinander ins Gespräch kommen oder einen Moment der Ruhe finden.
Gerade jetzt, bevor über die zukünftige Gestaltung des Studierendenhauses entschieden wird, lohnt es sich, auf diesen besonderen Ort aufmerksam zu machen. Denn was Menschen kennen und schätzen, hat auch bessere Chancen, dauerhaft erhalten zu bleiben.
Ein Raum bleibt durch das, was in ihm geschieht
Gebäude können Jahrzehnte überstehen. Ihre Bedeutung bleibt jedoch nur lebendig, wenn Menschen sie nutzen, pflegen und mit neuen Erfahrungen verbinden.
Die Kirche am Campus wurde in einer Zeit gebaut, in der Frankfurt nach Krieg und Diktatur einen neuen Anfang suchte. Menschen beteten dort, diskutierten, hörten Musik und begegneten einander. Jede Generation hat dem Raum etwas hinzugefügt, ohne seine Geschichte auszulöschen.
Bewahren bedeutet deshalb mehr, als Mauern und Fenster zu schützen. Auch die Möglichkeit zum Gottesdienst, zur Stille, zur Musik und zur Begegnung gehört zu diesem Erbe. Die Zukunft der Kirche am Campus entscheidet sich daran, ob sie weiterhin ein Ort sein darf, an dem Menschen einander zuhören.
Anschrift
Kirche am Campus Bockenheim
im Studierendenhaus
Jügelstraße 1
60325 Frankfurt am Main
Aktuelle Konzerte, Sonderveranstaltungen und Anfragen zur Raumvergabe werden von Sabine Rupp koordiniert. Die Konzerte sind in der Regel bei freiem Eintritt zugänglich; Spenden für die Musiker:innen sind willkommen.
Der aktuelle Spielplan: https://sound-of-spirit-frankfurt.de/sommerkonzerte-2026-kirche-am-campus-bockenheim/
Weitere Informationen: Sabine Rupp kirche-am-campus@gmx.de